Ich mag Horrorfilme. Nicht erst seit gestern, sondern schon lange – von Nightmare on Elm Street und Halloween bis zu den Teenie-Slashern der 1990er, bei denen eine Gruppe junger Leute zuverlässig jede falsche Entscheidung trifft, die man in einem Horrorfilm treffen kann.
Scream, verlassene Ferienlager, dunkle Häuser, unheimliche Anrufe: Dieses Genre gehört für mich einfach dazu.
Als ich Final Girl von Van Ryder Games entdeckt habe, war deshalb ziemlich schnell klar: Das ist genau mein Spiel.
Denn Final Girl versucht nicht nur, einen Horrorfilm als Brettspielthema zu verwenden. Es baut einen kompletten kleinen Slasher-Film auf dem Spieltisch auf – mit einer Heldin, einem Killer, einem Schauplatz, gefährdeten Opfern und der stetig wachsenden Gewissheit, dass gleich etwas gründlich schiefgehen wird. Nur dass man diesmal nicht vom Sofa aus zusieht und sich über die Entscheidungen der Figuren wundert. Man trifft sie selbst.
Ein Horrorfilm, bei dem du die Hauptrolle spielst
Der Begriff „Final Girl“ stammt aus dem Horrorkino. Gemeint ist die letzte Überlebende, die sich dem Killer am Ende entgegenstellt. Im Spiel übernimmst du genau diese Rolle.
Du bewegst dich durch den jeweiligen Schauplatz, suchst nach hilfreichen Gegenständen, versuchst Opfer zu retten und musst ständig entscheiden, ob du dich dem Killer schon stellen kannst – oder ob Weglaufen gerade die deutlich vernünftigere Idee ist. Währenddessen bleibt der Killer natürlich nicht untätig. Er bewegt sich, verbreitet Angst, greift an und wird im Laufe der Partie immer gefährlicher.
Deine Aktionen werden über Karten und Würfel gesteuert. Du planst beispielsweise Bewegung, Suche, Verteidigung oder einen Angriff, weißt aber nie völlig sicher, ob alles wie gedacht funktioniert. Schlechte Würfe lassen sich teilweise noch abfangen, kosten dann jedoch andere Karten oder wertvolle Zeit. Genau daraus entsteht die Spannung: Fast jede Runde zwingt dich zu unangenehmen Entscheidungen.
Rette ich noch ein weiteres Opfer? Suche ich nach einer besseren Waffe? Bereite ich mich auf den Kampf vor? Oder riskiere ich gerade zu viel und liefere dem Killer damit seine nächste Gelegenheit?
Die Regeln erzeugen dabei erstaunlich gut das Gefühl eines Horrorfilms. Pläne scheitern, vermeintlich sichere Situationen eskalieren und manchmal gelingt im letzten Moment doch noch die eine Aktion, die alles dreht. Durch unterschiedliche Ereignisse, Gegenstände und Startaufstellungen erzählt selbst dieselbe Film-Box nicht jedes Mal dieselbe Geschichte.
Ein echtes Solospiel – und genau das ist eine Stärke
Final Girl ist konsequent für eine Person entwickelt. Es ist kein Mehrpersonenspiel mit nachträglich ergänzter Solo-Variante und man muss auch nicht mehrere Figuren gleichzeitig verwalten. Du spielst deine Final Girl, das Spiel steuert den Killer.
Für mich ist das ein großer Pluspunkt. Natürlich spiele ich gern mit anderen. Aber ein Spieleabend braucht meistens Terminabstimmung, Zeit und die passende Gruppe. Final Girl kann ich auch spontan auf den Tisch bringen, wenn ich gerade Lust auf eine Partie habe. Niemand muss dieselbe freie Stunde haben, niemand muss erst überzeugt werden – und niemand kann kurz vor dem Showdown sagen, dass er morgen früh rausmuss.
Eine Partie ist kompakt genug für einen freien Abend, bietet aber trotzdem eine vollständige Geschichte mit Aufbau, Eskalation und Finale. Gerade für Menschen, die Brettspiele lieben, aber nicht immer Mitspieler verfügbar haben, ist das Konzept deshalb besonders interessant.
Core Box und Feature Films: So funktioniert das System
Beim Einstieg ist ein Punkt wichtig: Die Final Girl Core Box ist allein nicht spielbar. Sie enthält die Grundregeln und all jene allgemeinen Komponenten, die für jede Partie benötigt werden. Dazu kommen die sogenannten Feature Film Boxes – die eigentlichen Film-Boxen.
Auch eine Feature Film Box ist für sich allein nicht spielbar. Zum Start braucht man daher immer:
- eine Core Box und
- mindestens eine Feature Film Box.
Jede Film-Box bringt einen eigenen Killer, einen eigenen Schauplatz und zwei Final Girls mit. Dazu kommen die passenden Karten, besonderen Regeln, Ereignisse und Gegenstände, die diesem „Film“ seinen Charakter geben. Die Verpackungen sind bewusst wie kleine Horrorfilme gestaltet und machen sich nebeneinander im Regal fast wie eine Sammlung alter Videokassetten.
Der eigentliche Clou des Systems zeigt sich mit der zweiten oder dritten Film-Box: Killer, Schauplätze und Final Girls lassen sich miteinander kombinieren. Der Killer aus einem Film kann plötzlich an einem ganz anderen Ort auftauchen. Damit wächst nicht nur die Auswahl an Szenarien – es entstehen tatsächlich neue Spielsituationen, weil jeder Killer und jeder Schauplatz eigene Mechanismen mitbringt.
Man muss also nicht sofort eine ganze Serie kaufen. Core Box plus eine Film-Box ergeben bereits ein vollständiges Spiel. Weitere Filme erweitern das System dann modular und erhöhen den Wiederspielwert deutlich.
Mehr als nur Film-Boxen: Miniaturen und andere Extras
Wer Final Girl einfach spielen möchte, braucht keine zusätzliche Ausstattung. Trotzdem bietet Van Ryder Games einige Extras für alle, die ihr persönliches Horrorkino auf dem Tisch weiter ausbauen möchten.
Besonders auffällig sind die Miniaturensets. Sie bringen Final Girls, Killer und – je nach Film – weitere Figuren oder Fahrzeuge als Miniaturen auf den Spielplan. Spielerisch notwendig sind sie nicht, aber sie verstärken die Atmosphäre und machen den Showdown auf dem Tisch noch etwas filmischer.
Daneben gibt es unter anderem:
- die Box of Props mit aufgewerteten Markern, besonderen Würfeln sowie zusätzlichen Aktions- und Promokarten,
- Fahrzeug- und weitere Miniaturen-Packs,
- Bonus Features, Vignetten und Special Features für zusätzliche Inhalte,
- Lore Books und Gruesome Death Books für mehr Hintergrund und erzählerische Details,
- Spielmatten, Aufbewahrungsboxen und große Ultimate Boxes für Sammler.
Das ist alles Kür, nicht Pflicht. Gerade das gefällt mir an dem System: Man kann mit zwei Boxen sinnvoll anfangen und später genau die Filme oder Extras ergänzen, auf die man wirklich Lust hat.
Spoilerfrei gesagt: Wovon lebt Final Girl?
Final Girl lebt nicht von einer fest vorgeschriebenen Handlung, die man nach einer Partie kennt. Die Geschichte entsteht aus dem Zusammenspiel der Karten, Würfel, Entscheidungen und unerwarteten Ereignisse.
Vielleicht findest du früh genau den Gegenstand, den du brauchst. Vielleicht verbringst du zu lange mit der Suche, während die Situation draußen eskaliert. Vielleicht möchtest du alle retten und merkst zu spät, dass du dich selbst in eine Sackgasse manövriert hast. Und vielleicht stehst du am Ende mit einem letzten Lebenspunkt vor dem Killer und hast genau noch eine Chance.
Das Spiel ist nicht immer fair – ein guter Slasher-Film ist es schließlich auch nicht. Aber es gibt dir genug Möglichkeiten, Risiken abzuwägen, Würfelergebnisse zu beeinflussen und dich auf den entscheidenden Kampf vorzubereiten. Diese Mischung aus Planung, Glück und improvisierter Horrorfilmgeschichte macht für mich den Reiz aus.
Meine Empfehlung für den Einstieg: Happy Trails Horror
Wer mit Final Girl anfangen möchte, dem empfehle ich neben der Core Box Happy Trails Horror.
Der Film spielt im Camp Happy Trails und schickt dich gegen Hans the Butcher ins Rennen. Das Szenario greift den klassischen Ferienlager-Slasher auf und vermittelt sehr direkt, was Final Girl ausmacht: Opfer retten, Ausrüstung finden, den richtigen Zeitpunkt für die Konfrontation wählen – und möglichst nicht vorher unter Hans' Messer geraten.
Im Vergleich zu manchen späteren Film-Boxen bleibt das Szenario angenehm geradlinig. Es ist dadurch gut geeignet, um das Grundsystem kennenzulernen, ohne dass zu viele Sonderregeln gleichzeitig auf den Tisch kommen. Geradlinig bedeutet allerdings nicht harmlos: Hans kann eine Partie sehr schnell in einen ziemlich kurzen Horrorfilm verwandeln.
Für mich ist deshalb Core Box plus Happy Trails Horror der ideale Einstieg. Danach kann man sich einfach vom eigenen Filmgeschmack leiten lassen: lieber Albtraum-Horror, Spukhaus, Weltraumkreatur, abgelegenes Haus oder eine ganz andere Spielart des Genres? Bei Final Girl wartet hinter jeder neuen Film-Box ein anderer schlechter Abend – für die Figuren jedenfalls. Für mich am Spieltisch ist es meistens ein ziemlich guter.
