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Wer sich in Deutschland mit Pen-&-Paper-Rollenspielen beschäftigt, stolpert ziemlich schnell über eine Besonderheit: In vielen Regalen stehen deutsche und englische Regelwerke ganz selbstverständlich nebeneinander. Und das liegt nicht unbedingt daran, dass es keine deutsche Ausgabe gibt.

Auch wenn ein Rollenspiel vollständig übersetzt wurde, greifen viele Spieler bewusst zum englischen Original – manchmal sogar dann, wenn die komplette Spielrunde am Tisch Deutsch spricht. Der Grund dafür ist selten reine Sturheit oder Angeberei. Er hat eher damit zu tun, dass Sprache bei einem Rollenspiel mehr ist als nur die Übersetzung von Regeln.

Das Original ist eben das Original

Bei einem Roman würden wahrscheinlich nur wenige Menschen behaupten, dass man grundsätzlich immer die Originalsprache lesen muss. Gute Übersetzungen können hervorragend sein. Bei Rollenspielen kommt aber noch etwas hinzu: Ein Regelwerk besteht nicht nur aus nüchternen Anweisungen, sondern auch aus Begriffen, Namen, Beschreibungen, Wortspielen und Flavour-Texten – manchmal einer sehr eigenen Art, eine Welt sprachlich zu vermitteln. Ein Begriff kann sich problemlos übersetzen lassen und sich trotzdem anders anfühlen.

Das heißt nicht, dass die deutsche Übersetzung schlechter sein muss – gute deutsche Ausgaben leisten oft enorme Arbeit und machen ein Spiel für viele Menschen überhaupt erst richtig zugänglich. Aber wer das Original liest, bekommt eben genau die Begriffe und Formulierungen, die die Autoren ursprünglich für ihre Welt vorgesehen haben. Für manche Spieler gehört das einfach dazu.

Wer früh spielen will, landet oft automatisch beim Englischen

Ein sehr pragmatischer Grund ist die Veröffentlichung. Viele Rollenspiele stammen aus dem englischsprachigen Raum: Das Grundregelwerk erscheint dort zuerst, später folgen Abenteuer, Erweiterungen, Kampagnen oder Zusatzbände. Eine deutsche Übersetzung braucht naturgemäß Zeit. Wer sich auf ein neues System freut oder eine bestimmte Erweiterung spielen möchte, steht deshalb irgendwann vor der Entscheidung, zu warten oder das englische Buch zu kaufen – und gerade bei Gruppen, die ohnehin keine großen Probleme mit Englisch haben, fällt diese Entscheidung meist nicht besonders schwer.

Hinzu kommt: Nicht jedes Buch wird überhaupt übersetzt. Bei großen Systemen ist die Wahrscheinlichkeit einer deutschen Ausgabe relativ hoch, aber je kleiner oder spezieller ein Rollenspiel wird, desto häufiger bleibt Englisch die einzige verfügbare Sprache. Wer gerne abseits der großen Namen spielt, kommt deshalb kaum komplett um englische Regelwerke herum.

Die englischsprachige RPG-Welt ist riesig

Noch deutlicher wird der Unterschied außerhalb des eigentlichen Regelwerks. Ob Regelfragen, Erfahrungsberichte zu einer bestimmten Kampagne oder die Frage, wie andere Spielleiter eine schwierige Szene gelöst haben – die Antworten landen meistens in internationalen Communities: Foren, Wikis, Reddit-Threads, Discord-Server, Videos. Und dort werden fast immer die englischen Originalbegriffe verwendet.

Das kann erstaunlich praktisch sein. Wenn im eigenen Regelwerk exakt derselbe Begriff steht wie in einer Diskussion oder einem Video, muss man nicht erst überlegen, wie dieser Begriff in der jeweiligen Übersetzung heißt. Gerade bei komplexeren Systemen macht das einen echten Unterschied.

Und irgendwann spricht sowieso jeder ein bisschen Rollenspiel-Denglisch

Das führt zu einer kleinen Eigenart vieler deutscher Spielrunden: Sie spielen auf Deutsch – aber längst nicht alles ist deutsch. Da wird über einen Skill Check gesprochen, jemand erwähnt seine Hit Points, ein anderer diskutiert über einen Saving Throw, und fünf Minuten später erzählt der Spielleiter wieder ganz normal auf Deutsch, was gerade in der Taverne passiert.

Puristen können darüber vermutlich stundenlang diskutieren, aber am Spieltisch ist es meistens ziemlich egal. Sprache entwickelt sich dort einfach aus dem, was für die Gruppe funktioniert – und manchmal ist der englische Begriff schlicht derjenige, den alle kennen.

Trotzdem hat Deutsch einen gewaltigen Vorteil

Bei all diesen Argumenten wäre eine Schlussfolgerung falsch: dass Englisch automatisch besser sei. Denn Pen & Paper besteht aus etwas, das bei vielen anderen Spielen viel weniger wichtig ist – Sprache im eigentlichen, gesprochenen Sinn. Wir beschreiben Orte, führen Gespräche, spielen Figuren, improvisieren, versuchen Spannung, Humor, Bedrohung oder Emotionen entstehen zu lassen. Und dabei ist die Sprache, in der man sich wirklich sicher fühlt, ein riesiger Vorteil.

Ein komplizierter Regelabschnitt kann auf Deutsch deutlich leichter zu verstehen sein. Ein Charakter kann sich natürlicher spielen. Als Spielleiter kann man vielleicht viel spontaner formulieren. Wer während einer emotionalen Szene erst innerlich Vokabeln sortieren muss, gewinnt wenig dadurch, dass auf dem Buchdeckel „Original Edition“ steht. Ein grundsätzliches Richtig oder Falsch gibt es hier also nicht.

Am Ende entscheidet die Atmosphäre

Und dann gibt es noch einen Punkt, der sich schwer in eine Tabelle packen lässt: die Atmosphäre am Tisch selbst. Ein Rollenspiel muss eine Welt entstehen lassen. Bei einem düsteren Horror-Rollenspiel möchte man irgendwann vergessen, dass man an einem normalen Tisch sitzt. Bei Fantasy will man das Gefühl bekommen, dass hinter der nächsten Tür tatsächlich etwas lauern könnte. Und bei einem guten Science-Fiction-RPG sollte sich eine Raumstation im Kopf irgendwann realer anfühlen als das Wohnzimmer drumherum.

Sprache kann dazu beitragen. Manchmal passen englische Begriffe, Namen oder Texte perfekt zum Setting. Manchmal funktioniert eine deutsche Übersetzung genauso gut oder sogar besser, weil niemand gedanklich aus der Szene herausgerissen wird. Die beste Sprachversion ist deshalb nicht automatisch diejenige, die dem Original am nächsten kommt, sondern diejenige, mit der am Tisch die beste Atmosphäre entsteht. Denn dafür spielen wir schließlich.

Also: Deutsch oder Englisch?

Die Antwort ist ziemlich unspektakulär: das, womit die eigene Gruppe am besten spielen kann. Wer Englisch problemlos liest, früh auf neue Veröffentlichungen zugreifen möchte und viel in internationalen RPG-Communities unterwegs ist, wird mit englischen Originalausgaben wahrscheinlich sehr glücklich. Wer Geschichten lieber vollständig auf Deutsch erlebt, komplexe Regeln schneller erfassen möchte oder eine Gruppe mit unterschiedlichen Englischkenntnissen hat, für den kann die deutsche Ausgabe die deutlich bessere Wahl sein.

Niemand schreibt vor, dass man sich für eine Seite entscheiden muss. Das englische Regelwerk im Regal, deutsche Gespräche am Tisch und zwischendurch ein paar englische Fachbegriffe – für viele Spielgruppen ist genau das längst völlig normal.

Denn am Ende ist die Sprache auf dem Buchrücken nicht das Entscheidende. Entscheidend ist der Moment, in dem die Regeln in den Hintergrund treten, niemand mehr über Übersetzungen nachdenkt und am Tisch plötzlich eine gemeinsame Welt entsteht. Wenn das passiert, stimmt die Sprache – und vor allem stimmt die Atmosphäre.

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